SAMANTHA BOHATSCH //
BABES@LOTTE //
16.-25.01.2016 //
LOTTE – Land of the Temporary Eternity

Text: Ferial Nadja Karrasch

Vor weißem Hintergrund, gewissermaßen eingerahmt von einem Ausschnitt des Ölgemäldes „Die Schaukel“ von Jean Honoré Fragonard, sind vier Frauen zu einer Gruppe angeordnet; ihre Kleidung und die Weise, wie sie zueinander positioniert sind, verraten: Sie teilen etwas, das sie eint, sie haben einen Platz in einer Gemeinschaft, die wir von der Position des/der Außenstehenden betrachten. Oder ist die Blickrichtung eine andere? Könnte es sein, dass nicht die Frauen im Bild sondern die Außenstehenden die betrachteten Subjekte sind? Wäre es möglich, Teil des Ensembles zu werden? Passt meine Identität zu der im Bild vermittelten?

Samantha Bohatsch untersucht in Babes@LOTTE die Repräsentation der sich kontinuierlich wandelnden Identität und ihre Beziehung zu den vielfältigen Angeboten unterschiedlichster Identifikationsmodelle. Im Rückgriff auf Präsentationsmodi aus Mode und Social Media stellt Bohatsch zudem die Frage nach dem Verhältnis von Authentizität und Inszenierung.

Die beiden letzteren Begriffe werden spätestens seit der Postmoderne nicht mehr Gegensätze, sondern als Kontinuum begriffen. Während hieraus zwar die Frage nach dem Stellenwert von Authentizität resultiert, avancierte die Inszenierung zum „Maß aller Darstellung“[1]. Samantha Bohatsch setzt hier an und versteht Inszenierung nicht als Täuschung, sondern als „Strategie der Selbstfindung oder Identitätssicherung“[2]. Die Ausstellung ist somit eine fragmentarische, möglicherweise stellenweise fiktive Erzählung der eignen Biografie. Zurückgegriffen wird hier auf die in den Social Media längst zur Gewohnheit gewordene Kombination von Selbst- und Fremddarstellung.

Die Künstlerin legt in der Ausstellung Babes@LOTTE die Mittel der Inszenierung offen. Nicht allein die offensichtliche Nachbearbeitung der Fotografien und der Rückgriff auf das Prinzip der Montage zweier unterschiedlicher Bilder macht dies deutlich, sondern auch der Hinweis auf das Theater. Die Baustellengaze fungiert als Vorhang, der das dahinter Stattfindende allerdings nicht verdecken kann und der Blumenstrauß kann als Requisit verstanden werden, der gewissermaßen auch als Sinnbild gelesen werden kann. Denn als „harmonische Zusammenstellung“ unterschiedlicher Blumen verweist dieses Requisit auch auf die im Gruppenbild dargestellte Gemeinschaft unterschiedlicher Individuen. Bohatsch verwendet das Konzept der Inszenierung also im Sinne einer „ästhetischen Kategorie“, die darauf abzielt, „Imaginäres, Fiktives und Reales zueinander in Beziehung setzen“ (FN 16) Das Reale schlägt sich in der Wahl der Akteurinnen nieder: Neben der Künstlerin selbst, zeigen die Fotografien – aufgenommen von einer befreundeten Fotografin – Frauen, die auch abseits der Ausstellung Babes@LOTTE zum Freundeskreis der Künstlerin gehören.

Die real bestehende Verbindung der Frauen wird in eine eindeutig künstliche Situation übersetzt, wodurch die Botschaft der Inszenierung zum fiktiven Moment wird: Der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Auf diese Essenz kann jegliche Selbstdarstellung im Alltag und in den sich in Sozialen Netzwerken und anderen audiovisuellen Plattformen heruntergebrochen werden. Es ist das Bedürfnis, sich deutlich als einer bestimmten Gruppe zugehörig erkennbar zu machen. Alle Inszenierungen, sei es auf dem Feld der Kunst oder im Alltag, beinhalten die „Illusion biographischer Konstruktionen und Selbstdarstellungen, die von einer Einheit von darstellendem und dargestellten Ich ausgehen“.[3]

Mit Katrin Lautenbach (Fotografie), Anne Paula Heymann, Florentine Krafft und Johanna Wagner

[1] Anja Tippner/Christoph F. Laferl, Zwischen Authentizität und Inszenierung: Künstlerische Selbstdarstellung im 20. und 21. Jahrhundert, in: Ebd. (Hrsg.),Künstlerinszenierungen. Performatives Selbst und biographische Narration im 20. und 21. Jahrhundert, Bielefeld 2014, S. 17.

[2] Ebd.

[3] Ebd., S. 29.