BLEIBE

Bleibe, 2012 (solo)
o.T. Raum für aktuelle Kunst, Lucerne, Switzerland

List of works in order of appearance:
Installation View, Bleibe, 2012
sun, 2012, silkscreen print, 72 x 52 cm
Bleibe, 2012, mixed media

Press Text by Konrad Bitterli

Das mehrteilige Werk „Bleibe“ (2012) basiert auf einer privaten Fotografie aus dem Archiv von Samantha Bohatsch. Sie zeigt das Wohnzimmer des Hauses, in dem die Künstlerin als Kind lebte. Anhand dieser Erinnerungen und der Frage, wie sich die kindliche Prägung auf das spätere Leben eines Individuums auswirkt, entwickelte die Künstlerin einzelne, requisitenartige Teile, die sich zu einem bühnenhaften Ganzen zusammenfügen. Die Fensterbilder, die sich wie ein Band durch den Ausstellungsraum ziehen und auf die blaue Wand zuführen, entstanden aus einer Familientradition heraus, die Fenster für Weihnachten mit Goache zu bemalen. Als Verweis auf die Wandfarbe ihres damaligen Kinderzimmers, wählte die Künstlerin einen hellen Blauton, der gleichzeitig die Farbe von Türen und Rahmen in einem Raum des Ausstellungspavillons in Luzern, Schweiz, zitiert. Das Siebdruckposter „sun“ (2012) ist eine Hommage an David Hockney, dessen Bild „sun“ im Wohnzimmer des Hauses hing und auf der Fotografie zu sehen ist. Das an der Wand hängende Stoffobjekt ist eine Applikation aus Filzsstoffen und abstrahiert das Gesamtmotiv der Fotografie.

Pressetext:
1. September bis 6. Oktober 2012
Bohatsch Samantha - Bleibe

01.07.2011 Wien Westbahnhof

weinende Betongesichter
zwei Bauarbeiter in Zeitlupe
um mich die Stadt
über den Gürtel hinaus
die grüne Fussgängerbrücke
gelbes Wachtärmchen
Schlafwagen
Liegewagen
Schloss Schönbrunn im Sonnenlicht

Mit ihren „Ortsbeschreibungen“ (Digitaldruck auf Papier) ist Samantha Bohatsch 2011 hervorgetreten. Dabei handelt es sich, wie der Titel andeutet, um Beobachtungen von Orten, die indes weniger einen Ort im Detail beschreiben als vielmehr beim Betrachter Bilder hervorrufen: Vorstellungen zum einen und Erinnerungsbilder zum andern, sollte man den Ort bereits selbst einmal gesehen haben. Auf jeden Fall zielen Samantha Bohatschs „Ortsbeschreibungen“ aufs Visuelle. Davon zeugen auch ihre unvergleichlich subtilen Zeichnungen aus den Serien „Görlitz“ und „Broadstairs“, welche die Künstlerin 2010 in der renommierten Galerie Meyer-Riegger in Karlsruhe ausstellte: Eine zarte Volte in Violett scheint in die Fläche des Blattes auszuschwingen, wobei die ohnehin dünne Aquarellfarbe langsam ausläuft, gleichsam im Weiss der Bildfläche aufgeht.

In einem anderen Aquarell ist es eine kleine zellenartige Struktur, die sich im Geviert des Papiers verortet. Es sind kleine, subtile Setzungen im fiktiven Raum der Zeichnung, zart, flüchtig und dennoch von unerwarteter Präsenz. Oder wie es Christina Irrgang schreibt, formuliert die Künstlerin in ihren Aquarellen -Erinnerungen an Orte, die sie in einer minimalen, abstrahierten Formensprache als Schraffur des Erinnerten herausbildet: Als Reaktion und Nachhall auf ihre Forschungsreisen nach Görlitz und Broadstairs entstanden, zeichnet Bohatsch in dieser Sammlung von Bildern in fast transluziden Farbschichten die erfahrenen und in der Erinnerung überdauerten Fragmente von Räumen, Objekten und Ereignissen nach. Konturen, geometrische Körper oder prismenartige Farbflächen werden dabei gleichsam zu Spuren, schattenhaften Umrissen und Substituten: An die Stelle von Begriffen treten Bilder, entlang derer sich narrative Raumschichten entfalten und zwischen Konkretion und Traum miteinander verflechten. (Pressetext Galerie Meyer Riegger)
Die 1984 in Berlin geborene Künstlerin studierte Malerei/Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe sowie Bildhauerei an der Kunstakademie in Wien und der Kunsthochschule Weissensee in Berlin. Nach Einzelausstellungen 2011 im Kunstbunker Nürnberg und 2012 in der Galerie Max Mayer in Düsseldorf ist die Präsentation im o.T. Raum für aktuelle Kunst ihre erste Einzelausstellung in der Schweiz. Dafür entwickelte sie die neue Arbeit Bleibe ausgehend von der Erinnerung an eine Fotografie aus ihrer Kindheit, die in eine mehrteilige raumbezogene Arbeit übersetzt wird.
Text: Konrad Bitterli